Willkommen im Forum von Radio Schwarze Welle

Interview mit Triton

Antworten
Benutzeravatar
Triton
Eminent Member
Beiträge: 39
Registriert: Di Jul 29, 2025 10:47 am
Wohnort: Frankfurt am Main
Has thanked: 1 time
Been thanked: 2 times

Interview mit Triton

Beitrag von Triton »

Frager: Sei gegrüßt, Triton. Gleich mal vorneweg - wieso gibt es denn unter der Kategorie 'Interviews' hier keine Interviews?

Triton: *lacht* Ich verstehe die Frage nicht ganz, das hier ist doch ein Interview, oder?

Frager: Ach so, stimmt. Schnell Themenwechsel - Du hast eben gelacht. Dürfen Goths denn lachen?

Triton: Nur im Keller. Dehalb gehen sie gerne in Keller, nennen sie Grüfte, hören gotische Musik, haben Spaß und lachen mitunter, wenn keine Uneingeweihten zuschauen. Beim Blick auf den Mainstream vergeht ihnen allerdings das Lachen. Deshalb wirkt es immer so, als würden Goths nie lachen.

Frager: Die Musikrichtung Dark Wave / Gothic ist doch aber nicht gerade erheiternd, oder?

Triton: Erheiterung ist hier kein Kriterium. Darum geht es nicht. Wahrer Spaß entsteht nicht aus Erheiterung, sondern aus Erhebung. Diese Musik wirkt im Idealfall erhebend. Das ist wahrer Spaß.

Frager: Auf viele Mainstreamer wirkt diese Musikrichtung aber irritierend im Sinne von traurig, depressiv, zu ernst...

Triton: Da muß ich jetzt etwas weiter ausholen. Die Wirkung dieser Musik ist stark abhängig davon, wer ihr lauscht. Da müssen quasi Sender und Empfänger zusammenpassen, sonst wird das Ergebnis frustrierend sein. Wenn es allerdings zusammenpaßt, wird es magisch. Das ist dann wie ein Medikament, das nur bei denen wirkt, die die richtigen Rezeptoren dafür haben. Ich würde sagen, ein gewisser Tiefgang statt Oberflächlichkeit, Unangepaßtsein statt Stromlinienförmigkeit, Empfindungsfähigkeit statt emotionaler Kälte und Unabhängigkeit statt Opportunismus sind hier das Fundament.

Frager: Sehr interessant... wird das Interview denn fortgesetzt?

Triton: Mal schauen. Interviews sind eigentlich Mainstream. *lacht*

[Zeit ging ins Land...]

Frager: Moin, Triton. Wieder da? Ich dachte, Interviews seien Mainstream...

Triton: Ja, das hier nicht.

Frager: Was ist das Konzept? Das liest doch kein Mensch hier. Foren sind tot. Social Media rule.

Triton: Die Frage gefällt mir. Ehrlich. Das ist genau das Konzept - ein digitales Sediment in einem toten Forum. Genau mein Ding. Geht es gotischer? - Das sind hier einfach ein paar Ansichten und Erinnerungen, die erstmal kein Mensch liest und im besten Fall im Netz konserviert bleiben. Irgendwann kommt vielleicht ein Forscher von einer Uni, der am Lehrstuhl für Gothic und Dark Wave arbeitet, und findet das hier als Primärquelle. Würde mich durchaus freuen. Aber wenn das jetzt Dutzende lesen würden, wäre ich raus. Abbruch. Bloß nicht...

Frager: Das klingt alles ziemlich urgotisch, im Sinne von Alte Schule...

Triton: Kann schon sein. Ich bin ja schon etwas länger dieser Musikrichtung zugeneigt. So seit Mitte der 1980er Jahre.

Frager: 40 Jahre ist das jetzt her. Das sind ja Äonen. Was hat sich geändert seitdem?

Triton: Alles. *lacht* Nein, aber gefühlt ist das schon ein gewaltiger Unterschied. Anfang der 1980er Jahre ging es ja los mit Post Punk, das waren die Anfänge, daraus hat sich alles entwickelt. Und das war die Zeit des Kalten Krieges. Die Grundstimmung war eine ganz andere, es war dystopisch. Verzweiflung. Frustration. Das Motto 'No Future' des Punk hatte sich quasi auf den Post Punk übertragen, aber in einem produktiveren Sinn. Post Punk war zelebrierte Verzweiflung, nicht destruktiv, sondern eine Überlebensstrategie, eine Art Energietankstelle. Diese Musik war anders, sie traf den Nerv derer, denen Punk, Rock und Pop keine Antwort gaben. Da steckte eine Kraft dahinter, die mythisch war. Aus Post Punk entwickelten sich dann Dark Wave und Gothic, und die Szene war plötzlich da. Ich kann mich an keine Post Punk-Szene erinnern, das kam erst später mit Dark Wave und Gothic.

Frager: Dark Wave und Gothic hatten wenig Überschneidungen mit anderen Szenen?

Triton: Nein. Überhaupt war alles dogmatischer damals. Die ganzen Szenen waren abgeschottet und zum Teil regelrecht verfeindet. Ja, tatsächlich. Das glaubt man heute kaum. Inbesondere gab es keine Überschneidungen mit Metal oder Pop. Undenkbar. Eine klitzkleine Überschneidung gab es interessanterweise mit Psychobilly, da steckte ja auch Punk drin - bestes Beispiel: The Cramps. 'Human Fly' etwa war ein Klassiker auf gotischen Tanzflächen! Und es gab eine klitzkleine Überschneidung mit der Neuen Deutschen Welle - Xmal Deutschland waren sowohl NDW als auch Goth. Allerdings hat das in Deutschland kaum einer mitbekommen, weil die in UK viel berühmter waren als hierzulande... Aber Summa Summarum: Alles abgeschottet. Man blieb unter sich und war sich sicher, daß kein anderer die Szene verstehen würde und könnte. Das wurde als Qualitätsmerkmal hochgehalten.

Frager: Wann und wie hat sich das dann geändert?

Triton: Mitte der 1990er Jahre. Ziemlich genau 1993/94. Da kam plötzlich Grunge hoch, also insbesondere durch Nirvana, obwohl das abgefeierte Album 'Nevermind' ja schon 1991 rauskam. Aber ab 1994 hat die Grunge-Welle alles überrollt, direkt gefolgt von der Metal-Welle bzw. gleichzeitig. Metal war früher eine Nische wie Dark Wave / Gothic, aber plötzlich wurde das aufgeblasen bis zum Geht-nicht-mehr. Tja, und so kam Dark Wave / Gothic unter die Räder, die Szene wurde regelrecht zerschlagen. Ich hätte das niemals für möglich gehalten. Man macht sich ja heutzutage keinen Begriff, wie groß die Szene ursprünglich mal war. Ich würde schätzen, daß es heute etwa 25% der Größenordnung von damals ist. Kein Vergleich jedenfalls. Metal und Dark Wave / Gothic waren ja Nachbarn, aber dann überrennt der Nachbar plötzlich deinen Garten, weil sein Grundstück zu voll ist. Und das ohne böse Absicht. Er fängt dann an, seine Lieder zu spielen - und es ist vorbei mit der sortenreinen Szene. Aber ich will hier nicht schwarzmalen (sensationelles Wortspiel - gemerkt?). Es gab ja Überlebende. Und es gibt sie immer noch.

Frager: Das war mir nie so bewußt. Das war früher alles stärker abgegrenzt?

Triton: Absolut. Daher kam auch die Anmutung des Elitären, die in der Szene durchaus vorhanden war. Außenstehende konnten einfach auch nicht begreifen, wie man 'diese' Musik hören und gut finden konnte. 'Diese Musik' war eben nahezu frei von Einflüssen, die in andere Genres reichten, das war schon besonders. Heute gibt es beisielsweise auch viele Einflüsse, die in den Popbereich reichen, das merkt man an manchen Melodiebögen oder gleich am ganzen Song. Entspricht so gar nicht der reinen Lehre. *lacht* Aber gut, alles ist in Bewegung. Panta rei. Früher war halt alles auch ein wenig, nunja, robuster möchte ich sagen. Vielleicht wäre einigen heutzutage die Stilrichtung der 80er Jahre zu - jetzt muß ich echt aufpassen, wie ich es sage - zu kühl, depressiv, traurig...? Nur so ein Gedanke. Früher hätte man gesagt, Leute - falsche Szene vielleicht ausgesucht? Heute ist alles viel konsensorientierter.

Frager: Gibt es frühere Bands, die heute so nicht mehr denkbar wären?

Triton: Ja, klar! Bestes Beispiel ist Joy Division, eine der Wurzeln, eines der Fundamente des Goth. Das ist so roh, so hochdosiert, so kühl... So etwas kann nur aus einer gewissen Zeit heraus entstehen. Joy Division sind für mich wie ein Denkmal. Vor 30 oder 40 Jahre konnte man sagen: Hör dir Joy Division an, wenn dich diese Musik anspricht, bist du hier richtig, wenn nicht, wird es knifflig - dann hör dir die ersten Sisters-Sachen an [The Sisters of Mercy; die Redaktion]. Wenn das auch nix für dich ist - danke für den Besuch. Oder halt, letzter Versuch - frühe Stücke von The Cure? Auch nicht? Gut, muß ja nicht jeder dabeisein. *grinst*

Frager: Die Szene war also damals völlig homogen?

Triton: Nein! Absolut nicht! Sie war nur innerhalb engerer Grenzen heterogen. Oh wie krass - das klingt ja wie aus einem Lehrbuch. Soll heißen: Die Unterschiede spielten sich zwischen feinen Nuancen ab. Wenn ich allein an dieses Aufregerthema Sisters oder The Mission denke... Wayne Hussey hatte nach dem ersten Album 'First and Last and Always' von The Sisters of Mercy, das 1985 erschien, die Band verlassen und The Mission gegründet. (Wayne Hussey war übrigens vor seiner Sisters-Zeit Gitarrist bei Dead or Alive, aber das nur am Rande). Jedenfalls gab es in der Szene zwei Fraktionen: Die einen fanden The Sisters of Mercy besser, die anderen The Mission. Da gab es endlose Diskussionen. Ich habe das weniger dogmatisch gesehen, aber hatte die Tendenz zu Sisters, die waren auch tanzbarer.

Frager: Wayne Hussey war Gitarrist bei Dead or Alive? Die mit 'You Spin Me Round'...?

Triton: Aye! Die waren mal richtig Goth. 'You Spin Me Round' war ja vom sehr erfolgreichen Produzenten-Trio Stock Aitken Waterman, das ging vom Stil so in Richtung High Energy, aber vorher war das eine Goth Band. Wobei ich ehrlicherweise sagen muß, daß ich 'You Spin Me Round' besser fand als die älteren Sachen. Es war kein Pop, es hatte immer noch etwas Distinguiertes. Sehr gute Nummer. Nur eben kein Goth mehr.

Frager: Dann lief damals eine Goth Band im kommerziellen Radio...

Triton: *grinst* Naja, das hatte ewig gedauert, bis das mal im Radio lief, und es lief dann ja auch nur dieser Non-Goth-Song. Bei der Gelegenheit muß ich auch mal sagen, daß ich die Diktatur des Kommerz-Dudelfunks brutal finde. Die sagen immer, sie würden Vielfalt spielen - alles Quatsch. Selbst bei Bands, die sie gnädigerweise spielen, kommen immer dieselben Stücke, obwohl es von den Bands noch bessere gibt! Beispiel gefällig? The Killers. Es wird ständig 'Human' gespielt, obwohl sie mit 'Mr Brightside' eine großartige Hymne geschaffen haben, die in UK seit Jahrzehnten abgefeiert wird, aber man hört sie hier fast nie im Radio. Was soll das?

Frager: The Killers, wirklich gute britische Band...

Triton: Die kommen aus den US of A, aber lasse ich mal gelten. The Colonies halt. *lacht sich schlapp* Und jetzt bitte bloß keine Fragen zum Thema Mainstream-Radio.

Frager: Keine Sorge. Stattdessen eine Frage zur zeitlichen Entwicklung - wie hat sich das entwickelt? Generellsomäßig...?

Triton: Das ging in UK los, soweit ich weiß. Die Briten haben Gothic erfunden, oder? ;-) Und Post Punk eh. Das schwappte dann nach Deutschland rüber, ich würde sagen, wir waren die nächsten. In London hingen doch die Punks immer am Piccadilly Circus ab. Ist das noch so? *lacht* Na, jedenfalls sind in den 1970ern/80ern schon viele gerne nach London gefahren, gerade wegen der unabhängigen Szenen, den Klamottenläden und natürlich wegen den Plattenläden. Natürlich wurden dann die letzten Independent-Trends importiert nach Deutschland. Von Punk ging das dann über zu Post Punk, und der Rest ist Legende.

Frager: Wieso hatte denn das UK eine solche Affinität zu Gothic?

Triton: Das lag zum einen am Wetter und zum anderen an der wirtschaftlichen Entwicklung. Steile These, ich weiß. Aber es spricht vieles dafür. Dort regnet es viel öfter, und der wirtschaftliche Umbruch in den 1970er/80er Jahren hinterließ Spuren, die immens waren. Heruntergekommene Industriebrachen, Arbeitslosigkeit, Trostlosigkeit. Und Gothic lieferte dazu den Soundtrack. Das mußte ja quasi entstehen bei dem Wetter und den Stadtlandschaften. Wer mal in den 1980ern oder frühen 1990ern durch die Docklands von London ging, weiß, wovon ich spreche. Oder Manchester. Manchester bei kaltem Regenwetter zu der Zeit - mehr geht nicht. Und jetzt rate mal, wo Joy Division herkamen.

Frager: Uhm... Nürnberg? *grinst*

Triton: *lacht* Mein Humor. Daumen hoch. Alles klar, ich sehe, so kommen wir weiter.

Frager: Wie dogmatisch war es seinerzeit mit szenetypischem Aussehen?

Triton: Das war nicht dogmatisch. Da gab es alles von Vollkostümierung bis ziemlich unauffällig (ich). Ich würde sagen, da hat sich nicht sooo viel verändert. Es ging schon immer in erster Linie um die Musik. Natürlich konnten sich alle darauf einigen, daß schwarze Kleidungsstücke eine Hauptrolle spielten, aber niemand mußte komplett in Schwarz rumlaufen oder sich zwingend die Haare färben, um dazuzugehören.

Frager: Unterschied sich Gothic in den 1980ern/90ern musikmäßig in UK und Deutschland?

Triton: Zu Beginn kaum, es kam ja zunächst alles von der Insel rübergeschwappt. Als dann immer mehr deutsche Bands hochkamen, wurden Unterschiede deutlich. Während Xmal Deutschland noch ziemlich nah am Post Punk-Vorbild aus UK waren, gab es später Strömungen, die sich deutlich absetzten. Vor allem diese stark poetisch geprägten Sachen wie Goethes Erben, das war schon eigenständig. Überhaupt wurde Gothic in den frühen 1990ern in Deutschland oft von intellektuellen Aspekten durchdrungen, sehr tiefgründigen Texten mit untanzbar langsamer musikalischer Untermalung. In UK lag der Schwerpunkt dabei aber schon immer auf Tanzen. Die meisten Songs dort hatten zumindest soviel BPM [Beats per Minute; die Redaktion], daß man darauf tanzen konnte. Dieser Ansatz gefällt mir persönlich besser, aber das ist Geschmacksache...

Frager: Tanzen ist ja ein weites Feld...

Triton: Alles außer Totenstarre ist Tanzen! *lacht* Aber welche Musikszene außer Gothic kann so gut auf unterschiedlich schnelle Songs eine so gute Tanzantwort finden? Nach unten ist es schnell limitiert, aber Grave Digging macht es möglich, selbst langsamere Stücke auf der Tanzfläche stilvoll umzusetzen, vorzugsweise bei Kunstnebel. *grinstbreit*

Frager: Der Totengräbertanz...

Triton: Ja, uuuh, klingt gruselig und trifft es meines Erachtens nicht so richtig. Ehrlich, ich wußte lange Jahre gar nicht, daß dieser Tanzstil überhaupt einen Namen hat. Wenn man so ein Grab ausheben möchte, wird das nix, aber gut. Alles muß ja immer einen Namen bekommen. Letztens hab ich im Netz gelesen, daß einer wissen wollte, wie man in den 1980er Jahren als Goth getanzt hat, da ging es also um Grave Digging. Geht da etwa Wissen verloren? Weiß das etwa nicht mehr jeder? *grinst* Jedenfalls funktioniert das ja auch nur gut bei halbleerer Tanzfläche. Drei Schritte brauchen schon Platz, verkürzt auf zwei geht es gerade noch, drunter ist es nicht machbar. Aber so werden selbst langsame Stücke tanzbar. Wo andere Szenen an ihre Grenzen stoßen, wird es bei Goths erst interessant.

Frager: Auf den Gedanken bin ich noch gar nicht gekommen. Ich muß mal einen YouTube-Tanzkurs gucken...

Triton: Wehe, sowas gibt es bei YouTube... Das wird natürlich nur durch Anschauen und selbst Ausprobieren in unabhängigen Tanzgewölben auf die nächste Generation weitergegeben.

Frager: Ginge auch eine alte Industriehalle?

Triton: Jou, geht auch. Das Ambiente muß halt stimmen - und die Musik.

Frager: Wie hat sich Dark Wave / Gothic geographisch weiterentwickelt? Globalsomäßig?

Triton: Das ist mittlerweile flächendeckend, würde ich sagen. Immer, wenn ich denke, in dem oder dem Land gibt es diese Szene nicht, finde ich plötzlich eine Band, die dort herkommt oder lese etwas drüber... Bestes Beispiel: Chile. Klar, da gibt es nix in der Richtung, denkt Triton. Aber wenn er denn mal denkt, geht es gern daneben... Vioflesh kommen aus Chile! Und die setzen Dark Wave richtig gut um. Oder Italien... They Die kommen tatsächlich aus Italien. Volare, cantare halt... hehehe... Scherz. Also da hört man ja nun null heraus, aus welchem Land sie kommen, soll heißen: Handwerklich super umgesetzt. Manchmal denke ich, aktueller Dark Wave / Gothic ist teilweise besser als manche Sachen von vor 30 oder 40 Jahren. Und da meine ich jetzt nicht den technischen Fortschritt im Aufnahmestudio, sondern die Songs an sich. Uuuuund dann USA: Die Musikrichtung tauchte dort schon relativ früh auf, und jetzt kommen einige neuere, richtig gute Bands dorther. Aus Texas oder Kalifornien - der Sunshine State. Surfin' Feelin'. Kommst du nicht drauf. Beispielsweise Twin Tribes (Texas) oder Soft Vein (Kalifornien).

Frager: Kalifornien... Wie paßt das zur These zum Zusammenhang von Dark Wave / Gothic mit Klima und britischen Stadtlandschaften...?

Triton: Da hat aber einer richtig gut aufgepaßt. Respekt. Das wäre doch mal eine nettes Prüfungsthema am Lehrstuhl für Gothic und Dark Wave, wenn einer promovieren möchte zum Dr. Goth: 'Reflektieren Sie die Auswirkungen von Klima und Stadtlandschaften auf die Etablierung von Dark Wave und Gothic in unterschiedlichen geographischen Habitaten.'

Frager: Knifflig...

Triton: Schnick-schnack. Da muß man einfach differenzieren zwischen Generieren und Adaptieren. Ich würde sagen, entstehen kann eine solche Musikrichtig nur in Habitaten wie UK, während sie sich überall etablieren kann, wenn der bereits existierende Musikstil einfach adaptiert wird. Dann kann es auch in Kalifornien klingen wie in London 1984. Wobei am Beispiel von Soft Vein ein Stilbruch zu vermelden ist...

Frager: Was geht ab bei Soft Vein?

Triton: Das ist die richtige Frage - was geht denn jetzt ab? Zum Hintergrund: Soft Vein haben sich in den letzten Jahren mit sehr gutem Dark Wave nach klassischer Rezeptur verdient gemacht. Allein 'Violentia' ist schon Premium. Kürzlich erschien ein neuer Song, der lupenreiner Pop in einer fast schon übersteigerten Form ist - 'Chekhov'. Ich will jetzt hier kein Werturteil abgeben, aber das ist schon disruptiv. Erklärung habe ich keine, aber vielleicht möchte sich Justin Chamberlain ja einfach einen kleinen Scherz erlauben. *zwinkert*

Frager: Sprung zurück ins UK - gab es ein besonderes Event oder einen besonderen Platz in den London Docklands mit Bezug zu Dark Wave / Gothic?

Triton: Dazu fällt mir ein Pub ein - 'The Tidal Basin Tavern', dort traten auch Bands auf. Ende der 1970er, ich glaube 1977, traten dort Siouxsie and the Banshees auf, die waren ja auch stilprägend. Und nein, ich war nicht auf dem Konzert, so alt bin ich nun doch nicht. Leider gibt es das Pub nicht mehr, hat wohl 1990 zugemacht und wurde nach 2012 irgendwann abgerissen. Heute erinnert nichts mehr daran.

Frager: Wo genau war dieses Pub?

Triton: Das war bei den Royal Docks, also ziemlich im Osten der Stand. Westlich vom Royal Victoria Dock, von Straßen umzingelt. Keine Gegend, in die sich Touristen verirrt hätten. Schönes Gebäude, aber die Struktur war wohl so marode, daß sie es abgerissen haben. Heute steht genau an der Stelle so ein rundgelutschtes Wohnhochhaus. Not my cup of tea.

Frager: Heißt es eigentlich das oder der Pub?

Triton: Ja, genau. Es heißt das oder der Pub. *lacht*

Frager: Gibt es eine Gegend in den Docklands, die auch heute noch eine gewisse Ausstrahlung besitzt für Gotik-affine Menschen?

Triton: Mein Top-Tipp wäre Wapping, am Nordufer der Themse. Das ist gut erreichbar mit der Tube, und man hat zwei sehenswerte alte Pubs, die man ansteuern kann. Von der Tube Station 'Wapping' erstmal nach Westen, immer die Wapping High Street entlang zum Pub 'Town of Ramsgate' neben der Oliver's Wharf, direkt bei den Wapping Old Stairs. Gegenüber liegt übrigens ein alter Friedhof. Dazu empfehle ich Nebel, Dämmerung und Nieselregen. *grinst* In der anderen Richtung, also nach Osten, kommt man zum 'Prospect of Whitby' mit direktem Blick auf die Themse vom Pub aus. Was man auf dem Weg so alles an alten Lagerhäusern sieht, ist schon beeindruckend. Das sind zwar heute alles teure Wohnungen, aber trotzdem: Da kommt Stimmung auf!

Frager: London ist also nach wie vor ein Fokus?

Triton: Klar. Die Stadt ändert sich ständig, aber es bleibt genug Substanz. Und allein bei den Preisen dort kommt automatisch eine gruftige Stimmung auf. *grinst* So vor 30 Jahren war es noch so, daß manche Musikveröffentlichungen, also von CDs, im UK früher stattfanden als in Deutschland. Heute irrelevant - siehe Spotify -, damals schon. 1993 kam dort das Sisters-Album 'A Slight Case of Overbombing' ein, zwei Wochen früher raus. Ich war gerade in London und habe gleich die CD gekauft. Und dann schaue ich genauer auf die CD-Hülle: 'Printed in Germany'. Ich war bedient. *zwinkert*

Frager: Mal wieder vorspulen fast Richtung Gegenwart. Emo und Gothic - verwandt oder unvereinbar?

Triton: Woah, geht's noch heikler? Ich will es mal diplomatisch ausdrücken: So wie ich die Definition von Emo mitbekommen habe, sind das nun echt zwei Paar Schuhe. Ich meine - Gothic kommt aus dem Post Punk, das muß man immer mitbedenken. Das ist schon ein anderes Kaliber, eine andere Herkunft (UK vs USA). Gut, da mag es modische Aneignungen durch Emo gegeben haben, sei's drum, aber das macht noch keine echte Gemeinsamkeit. Wieder einmal ist es die Musik, um die es geht, und die unterscheidet sich deutlich. Aber gibt es Emo denn überhaupt noch? Ich würde sagen, das ist im wesentlichen durch. Ich bin aber nun echt kein Experte, wenn es um Emo geht. Unwissende bezeichnen Goths mitunter als Emos, das ist so gruselig...

Frager: Ist die Dark Wave/Gothic-Szene überaltert?

Triton: Ich habe jetzt gerade keine Goth-Zählung parat, aber ganz generell zeichnet sich diese Szene ganz klar dadurch aus, daß sie keine reine Jugendszene ist. Das liegt zum einen daran, daß es sie schon eine ganze Weile gibt, und zum anderen daran, daß sie vom Grundcharakter her eine erwachsene Szene ist, keine infantile Krawallszene oder so etwas.

Frager: Gedanken zum WGT (Wave-Gotik-Treffen)?

Triton: Es gibt eben nicht nur Wacken. *grinst* Die Umbenennung seinerzeit von Wave-Gothic zu Wave-Gotik habe ich aber nie verstanden. Wenn schon Umbenennung, hätte ich Gothic Wave Festival daraus gemacht. Das hat eine ganz eigene Dynamik und erzeugt sogar nochmal eine Nebenbedeutung... so wegen Welle... Gotische Welle... na, klingelt's? ;-)

Frager: Sensationell. Klingt richtig gut. - Zillo hingegen ist ein Name, der verschwunden ist...

Triton: Das Zillo war ja schon eine legendäre Zeitschrift. Als 'Zillostrierte' gegründet, das muß 1989 gewesen sein, dann ab 1990 als 'Zillo' fortgeführt. Seit 2014 alles Geschichte, da war das Redaktionsgebäude abgebrannt. Die letzten Jahrgänge des Zillos habe ich nicht mehr verfolgt, aber die 1990er vor allem. Schon interessant, wie lange das als Nische existierte. Und dann gab es ja auch noch Zillo-Festivals und die legendären CDs: 'Zillo Mystic Sound Sampler'. Ich glaube, da waren nur deutsche Bands drauf.

[Zeit ging ins Land...]

Frager: Gude, Triton. Wieder da? Ich dachte, das war's...

Triton: Noch nicht. Ich habe einfach mal vorbeigeschaut, und siehe da - es gibt noch Fragen - tja, 'irgendeiner wartet immer.' [Zitat aus 'Spiel mir das Lied vom Tod; die Redaktion]

Frager: Joy Division und New Order werden 2026 in die 'Rock'n'Roll Hall of Fame' aufgenommen. Ein Grund zum Feiern?

Triton: Jetzt mal im Ernst - Joy Division UND New Order? Was heißt denn hier UND? New Order sind eine völlig andere Band. Ohne Ian Curtis. Von mir aus können die New Order in diese Kommerzhalle aufnehmen, wenn die Band zustimmt, wobei ich mich frage, was New Order denn bitte mit Rock'n'Roll zu tun haben. Aber Joy Division da mit reinzuziehen auf Krampf, das ist wirklich eine Provokation. Ian Curtis kann sich dazu nicht mehr äußern, aber ich finde das geschmacklos. Ich könnte mir sogar vorstellen, daß die Band das zu Lebzeiten von Ian abgelehnt hätte.

Frager: Viele rätseln ja, was New Order denn nun genau bedeutet...

Triton: Nicht nötig zu rätseln, das ist schnell gedeutet: 'New Order' hat im Englischen schlicht zwei Bedeutungen - Neuer Befehl und Neue Ordnung. Und beides traf zu damals: Die Band hatte für sich den Auftrag gesehen weiterzumachen, gleichzeitig gab es ohne Ian zwangsweise eine neue Ordnung, sprich Zusammensetzung. Briten lieben solche Doppeldeutigkeiten. Wenn ich mich auf eine Bedeutung festlegen müßte, wäre es Neuer Befehl. Joy Division hat ja auch einen militärischen Bezug.

Frager: Post Punk erlebt ja gerade eine Art neue Blüte, wird es so etwas wie Joy Division also bald wieder geben?

Triton: Nein, das schließe ich völlig aus. Joy Division sind so einzigartig, insbesondere wegen Ian Curtis, daß es schlichtweg nicht kopierbar ist. Und das ist auch sehr gut so. Wir sprechen hier von dem Fundament der Szene. Niemand braucht ein zweites Fundament, die Burg ist schon gebaut. Das hat schon alles seine Richtigkeit.

Frager: Ein breiteres Fundament könnte hingegen die Subkultur vergrößern, die Szene war ja einmal deutlich größer...

Triton: Es braucht weder ein neues noch ein breiteres Fundament. Daß die Szene einmal größer war, heißt ja nicht, daß sie jetzt qualitativ schlechter ist. Im Gegenteil. Vielleicht war sie damals sogar zu groß und hat sich sozusagen gesundgeschrumpft. Die echte Vorliebe für tiefgründige Musik ist ja üblicherweise langfristig angelegt, die tauscht man ja nicht mal schnell gegen eine andere Vorliebe. Das Konzept von E- und U-Musik greift hier durchaus: DarkWave/Gothic ist quasi E-Musik, selbst wenn dies nicht zur Klassischen Musik zählt, also ernste Musik. Ein ganz anderes Kaliber als U-Musik, also Unterhaltungs-Musik wie der ganze Mainstream. Na klar mag es da Graubereiche geben, aber die Besonderheit dieser Musikrichtung wird hier deutlich. Und der wahre E-Musik-Liebhaber bleibt doch seinem Genre eher treu.

Frager: Das mit der E-Musik habe ich so noch nie betrachtet... dann gibt es ja quasi Parallelen zur Klassischen Musik?

Triton: Vielleicht nicht zu Johann Strauß, aber zu Richard Wagner und Anton Bruckner durchaus. Wagner hat doch etwas Gotisches - wer bei einem abendlichen Gewitter mal Wagner gehört hat, weiß, wovon ich spreche. Funktioniert übrigens auch ohne Gewitter. Nur nicht ohne Wagner. *lacht*

Frager: Also ein großer Kulturunterschied zum Mainstream...

Triton: Ein riesiger. Der durchschnittliche Mainstreamer fühlt sich mangels U-Musik von Dark Wave/Gothic nicht unterhalten und reagiert daher ablehnend oder fühlt sich provoziert, da an seiner Oberflächlichkeit mit scharfen Krallen gekratzt wird. Interessanterweise sind dann die Goths die Bösen. Denk mal drüber nach. *anstups*

Frager: *drübernachdenk* Da könnte was dran sein. Wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum diese Szene so dermaßen mit Vorurteilen gesegnet ist?

Triton: Ganz sicher. Da prallen schon Welten aufeinander. Aufgrund der Wirkung der Musik und des tendenziellen Tiefgangs der Gedankenwelt wird die Szene zunächst oft als elitär und unnahbar wahrgenommen. Na gut, sicher auch wegen optischer Aspekte, aber das halte ich nicht für den Hauptgrund. Daraus entwickeln sich mitunter dann Stilblüten an Vorurteilen als Abwehrhaltung dagegen. Goths sind negativ, haben keine Freude am Leben, sind arrogant, betreiben Todeskult, sind depressiv, hören unheimliche Musik, zerfallen bei Sonnenschein zu Staub und so weiter und so fort. Und das waren jetzt noch nicht einmal die schlimmsten Vorurteile. Irgendwie entlockt einem das doch ein Schmunzeln, so abstrus wie es ist. Und machmal, ja manchmal genießt der ein oder andere es vielleicht sogar, sich von der Masse des Mainsteams in vielerlei Hinsicht abzuheben, das hat mit Arroganz aber nichts zu tun, höchstens mit sakraler Kühle.
Mal ehrlich, wenn Menschen, die dieser Szene mit Unverständnis gegenüberstehen, ein ganz normales Gespräch suchten, würde doch kein echter Goth arrogante Sprüche bringen. Nur sind solche Begebenheiten eher selten. Da scheinen die Hürden doch groß.

Frager: Keines der typischen Vorurteils-Schablonenmuster trifft zu?

Triton: Ich liebe Regenwetter, Nebel und mag keine Hitze. *lacht*

Frager: So manche Eltern, die sich in der oberflächlichen Konsum- und Mainstream-Welt eingerichtet haben, sind sicherlich mitunter besorgt, wenn ihre Kinder gotische Anwandlungen bekommen.

Triton: Vererbt sich eine gotische Grundhaltung eigentlich? Das müßte man mal am Lehrstuhl für Gothic und Dark Wave untersuchen. Wenn ja, ist das ja alles gar kein Problem. Wenn nein, ist das natürlich ein wichtiges Thema. Dann liegen in der Familie Kontinentalplattenverschiebungen vor, die zu Erdbeben führen müssen. Ein normaler Prozeß. Ich greife hier mal die Hauptsorge raus, die bei vielen Eltern bestimmt vorherrscht: Ist der Nachwuchs nun suizidgefährdet, weil er erkennbar gotisch wird? Das ist so ein Klassiker, ein Mißverständnis, das es bereits seit Jahrzehnten gibt. Und die Anwort ist genauso klassisch: Nein. Die Frage berührt einen wichtigen Punkt: die Verwechslung von Gothic und Depression. Gothic und Dark Wave sind ja Musikrichtungen, die Wirkungen entfalten, aber eben sehr unterschiedliche - der Liebhaber solcher Musik fühlt sich auf seine Art richtig wohl dabei, der Mainstreamer nicht, der typische Reflex ist: 'Hilfe, depressive Musik, potentiell suizidale Tendenz'. Es kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, daß das Hören solcher Musik gerade das Gegenteil einer suizidalen Tendenz ist. Es ist ein Hilfsmittel, um mit dem Leben gut auszukommen. Ganz wichtig: Wer wirklich depressiv ist, hört wahrscheinlich gar keine Musik mehr, weil er an nichts mehr Freude hat.

Frager: Du sprichst übrigens in alter Rechtschreibung, interessant...

Triton: Ja klar, die gefällt mir einfach besser. Eigentlich spreche ich ja sogar in Fraktur, aber das kommt hier nicht so gut rüber. *grinst*

[Zeit ging ins Land...]

Frager: So, alles besprochen. Oder?

Triton: Wie sollte denn bei gotischem Tiefgang, der Äonen und Welten umspannt, jemals alles gesagt sein? In der Welt der ewigen Werte ist auch das lange Vergangene schlicht Gegenwart und eine Bibliothek keine Zeile in einem Buch.

Frager: Hmmm... Goethe?

Triton: Noe. Triton.

Frager: Oha. Aber dann mal weiter im Text: Musik-Streaming-Plattformen - Fluch oder Segen?

Triton: Sehr gute Frage. Für jemanden, der noch die Zeiten erlebt hat, wo das Stöbern und Probehören in Plattenläden an der Tagesordnung war, sind solche Plattformen ziemlich paradiesisch. Bequem vom Sofa aus in Tausenden von Titeln wühlen zu können, ist herrlich. Aber es ist alles digital und virtuell, nichts Greifbares. Wer sagt denn, daß eine mit viel Mühe über lange Zeit aufgebaute Playlist für alle Zeiten abrufbar bleibt? Und für Vollzugriff ohne Werbung muß regelmäßig gezahlt werden. Die besonders guten Sachen kaufe ich jedenfalls trotzdem noch gerne als CDs. Aber Playlists anzulegen für bestimmte Stilrichtungen zum Beispiel ist schon eine nette Option.

Frager: Ich rate mal: Du hast eine Playlist für 'Dark Wave / Gothic'...

Triton: Aye aye, natürlich. Und ich habe mir vorgenommen, sie wirklich nur auf die besten Stücke zu beschränken. Zusätzlich habe ich es noch eingeschränkt auf tanzbare Stücke... jedoch...

Frager: Ich ahne es...

Triton: Sie ist mittlerweile größer geworden, als ich es vorhatte. Was - und das ist mein Punkt - dagegen spricht, daß nicht mehr viel gutes Neues nachkommt. Ich gehe die Liste echt regelmäßig durch, um Sachen rauszunehmen, die vielleicht nicht ganz so tanzbar sind oder möglicherweise leicht unter Premium, aber trotzdem wächst sie noch. Sie umspannt fünf Jahrzehnte, und auch die Sortierung gehe ich immer wieder durch, so daß sie theoretisch von vorne bis hinten durchtanzbar ist und keine zwei Stücke aufeinanderfolgen, die sich beißen. Schon Arbeit, aber sie macht Spaß und lohnt sich.

Frager: Lohnt sich... Der kommerziell orientierte profitmaximierende Mainstreamer würde diese Einstufung vergeben für: Klicks sammeln, GothInfluencing, Werbeeinnahmen generieren durch Social Fame...

Triton: Blimey, what the heck... Was für eine Grütze. Wenn ich schon diese Begriffe nur höre... Allein Goth und Influencing sind zwei Wel-ten! Nein, das mache ich für mich und niemand.

Frager: Du hast die Liste also auf privat gestellt.

Triton: *Kopfschüttel* Nein, ich habe die Einstellung der Liste nie geändert, die war standardmäßig auf öffentlich, was ich aber nicht wußte. Irgendwann sehe ich neben einem Symbol eine Zahl, da habe ich nach einer Weile geschnallt, daß sich irgendwelche Leute die Liste in den Favoriten gespeichert haben. Dann habe ich es einfach nicht mehr übers Herz gebracht, die Liste auf privat zu stellen. Die Zahl bewegt sich aber nicht mehr, und die Liste taucht ziemlich weit unten auf, wenn man nach der Stilrichtung sucht. Gut so. Und nein, sie heißt nicht wie ich und nein, ich sage den Namen nicht. Das war nie als öffentliches Projekt geplant. Aber es ist sehr interessant, was man alles an Playlists findet in dieser Richtung.

Frager: Wie ist die globale Playlist-Lage auf Deiner Plattform bezüglich Dark Wave und Gothic zu bewerten?

Triton: Die Lage ist durchaus durchwachsen. An Playlists im Bereich Gothic und Dark Wave besteht kein Mangel, das ist schonmal ganz klar. Aber ich sehe hier ein schwerwiegendes Masse/Klasse-Problem. Masse paßt, Klasse eher nicht so. Wenn ich mir manche Playlists so anschaue, dann wirkt es doch arg lieblos. Das ist dann oft so eine beliebige Anhäufung mit fragwürdiger Konsistenz. Von einer qualitätvollen Sortierung will ich hier schon gar nicht reden. Das kann natürlich daher kommen, daß so einige (wie ich seinerzeit) gar nicht wissen, daß ihre Listen standardmäßig global sichtbar sind. Aaaber wenn dann Hunderte von Leuten solche halbgaren Listen in ihren Favoriten speichern, dann wird mir Angst und Bange.

Frager: Nujo, kann ja jeder handhaben, wie er will...

Triton: Nujo, schon - aber wenn jemand, der neu in der gotischen Materie ist, das dann quasi als eine Visitenkarte der Stilrichtung nimmt, dann ist das schlichtweg Desinformation. Ich meine, was bitte haben denn zum Beispiel Talk Talk in einer solchen Playlist verloren? Also die Band ist super, keine Frage, aber das ist doch eine ganz andere Hausnummer. Und da gibt es so viele andere Beispiele, wo ich mir sage - Stopp, so läuft das nicht. Wenn die Liste so heißt, dann muß auch das drin sein, was draufsteht. Extremfall: Jemand, der sich noch gar nicht auskennt, hört irgendwo zum ersten Mal einen echten Gothic Song, ist total fasziniert, gibt auf der Streaming-Plattform den Suchbegriff 'Dark Wave / Gothic' ein, nimmt sich irgendeine weit oben gelistete Playlist, die leider weitab vom Schuß ist, also gar nicht die Stilrichtung widerspiegelt, und denkt sich: 'Och nööö, das ist dann doch nix für mich.' Sowas wäre doch schade, oder?

Frager: Gute Antwort!

Triton: Du bewertest meine Antworten...?

Frager: Gute Frage! - Nochmal zu den Playlists: Was macht denn eine gute Dark Wave/Gothic-Playlist aus?

Triton: Ich würde sagen, die Mischung macht's! Eine qualitätvolle Auswahl aus verschiedenen Jahrzehnten und Stilrichtungen. Gute Sortierung, daß der eine Song zum nächsten paßt. Dann muß man sich nicht darauf verlassen, daß bei Zufallswiedergabe hoffentlich aufeinander passende Stücke abgespielt werden. Aber der Hauptpunkt ist die Abdeckung des ganzen Zeitraumes, in dem es schon Dark Wave und Gothic gibt. Da ist ja einiges zusammengekommen, und obwohl ich schon seit einiger Zeit (siehe oben) diese Stilrichtung verfolge, bin ich keiner, der aus einer Mischung von Nostalgie und Fatalismus sagt: Nur die alten Sachen waren toll, die neuen kenne ich eh nicht und will sie auch gar nicht kennen. Im Gegenteil! Neuere Sachen lohnen sich oft genauso wie die Klassiker. Wenn man diese Punkte berücksichtigt, steht einer gepflegten Party eigentlich nix mehr im Wege.

Frager: Nostalgie ist ein wichtiger Punkt. Ich habe wirklich den Eindruck, daß viele Goten der alten Zeit in mancher Weise Probleme haben mit der Entwicklung in den letzten Jahrzehnten. Gar nicht mal, daß sie neuere Sachen ablehnen. Eher, daß sie sagen, ich habe den Anschluß irgendwie verloren, höre immer noch die alten Sachen, kann die Gotik im Alltag nicht mehr so umsetzen usw.

Triton: Ja, das kann ich nachvollziehen. Es geht ja auch weit über die Musik hinaus. Gotik im Alltag, das trifft es. Schleift der banale Alltag den gotischen Kern? Kann der Alltag das überhaupt? Auch wenn es so scheint, würde ich das eher verneinen. Das ist jetzt allerdings das Ende der Geschichte quasi vorweggenommen - am Anfang ist das zunächst so ein Prozeß, der sich seit gefühlt ewigen Zeiten mit zunehmender Lebenszeit einschleicht: Das Sich-Einrichten in gewonnenen Erfahrungen, Vorlieben, in der Banalität des Alltags, in Kompromissen, die man schließen muß... All dies läßt in der Regel früher oder später gewisse Zweifel hochkommen: Bin ich noch unabhängig, habe ich noch die Energie, will ich noch nach neuen Bands stöbern, mir die Nächte um die Ohren schlagen, bei vermeintlich wichtigen Veranstaltungen dabeisein und so weiter. Wenn man dann nicht aufpaßt, wird es schnell fatalistisch. Ich finde, das muß es nicht. Weil überhaupt kein Grund besteht, einen natürlichen Wandel als Abrißbirne zu interpretieren. Mal ehrlich: Welcher erfahrene Goth würde ernsthaft von jüngeren erwarten, ständig abgeklärt zu sein, genau zu wissen, was sie wollen, nur wenige Konzerte oder sonstige Veranstaltungen zu besuchen und auf einen großen Erfahrungsschatz zurückzugreifen? Eben. Und jetzt umgekehrt: Jeder Jüngere erwartet doch eigentlich genau das von den Älteren und Erfahreneren! Aber die fühlen sich plötzlich alt und nicht mehr vollwertig. Echt unnötig. Damit macht man sich doch eigentlich erst lächerlich, wenn man so einer Art Jugendwahn hinterherhängt oder seinen Werdegang als Ballast empfindet. Kurz gesagt: Authentisch sein! Das ist es.

Frager: Gotik kollabiert nicht im Flusse des Alltags und des Alters?

Triton: Wie sollte sie ohne Zutun des Bewohners? Gotik ist immer ein starkes Gemäuer. Moos und Flechten auf den Fialen machen doch erst den besonderen Reiz aus. Ganz wichtig: Patina nicht mit Altersschwäche verwechseln! Gotik aus Naturstein altert gut. Keine Zweifel, kein Zergrübeln. Gotisches Gefühl kann einen durch den Alltag tragen. Der Soundtrack spielt vielleicht sogar im Kopf dazu - was braucht es mehr? Wir haben es gut. Wir haben ein permanentes Memento Mori, was den Fokus auf das wirklich Wichtige lenkt. Vor diesem Hintergrund zeigen sich gerade bei Alltagssituationen die besonderen Denk- und Verhaltensweisen. Was die meisten vielleicht aufregt, nervös macht, auf die Palme bringt, läßt den wahren Goten gern kühl. Ich sage bewußt kühl und nicht kalt. Das, gepaart mit schwarzem Humor - unschlagbar.

Frager: Goten haben Humor? *grinst*

Triton: Wir haben ihn erfunden. Zumindest den schwarzen. *grinstmit*

Frager: Nochmal zur Musik... Die Tipps für gepflegte Playlists sind doch eigentlich genau dieselben, die für einen gepflegten Abend auf der Tanzfläche gelten...

Triton: Richtig. Es gibt keinen Unterschied. Eine gediegene Playlist im Netz sollte ja auch denselben Anspruch haben wie die Playlist des DJs in einem Club: Eine nachhaltige positive Erinnerung in den Gedächtnispalast zu meißeln. Ob es nun eine 30-minütige Auszeit mit Kopfhörern am Smartphone oder ein nächtlicher Besuch im Gothic Club des Vertrauens ist - es dreht sich alles um Playlists. Immer. Jeder, der sie nutzt, hat eine hohe Verantwortung. Sich selbst gegenüber oder anderen gegenüber. Die besten Playlists ergeben sich aber in Echtzeit rein situativ. Durch Intuition, Geschick oder auch schlicht Zufall. Eine fixe Playlist ist also eher ein Grundgerüst, aus dem man immer wieder Neues zaubern kann. Die Abfolge erhöht dabei die Wirksamkeit der Musik um ein Vielfaches.

Frager: Das führt natürlich zur Frage: Was tun, wenn im Club die Leute ständig die altehrwürdigen Hymnen hören wollen...?

Triton: Es gibt Fragen, die sterben nie aus... Wenn nicht irgendwann mal neue Sachen in Clubs gespielt worden wären, dann wären doch diese altehrwürdigen Hymnen nie zu solchen geworden! Das waren alles mal neue Sachen! Also, ran an den Speck, neue Songs spielen! Da wäre ich echt dogmatisch. Wenn man merkt, das Publikum goutiert nur Klassiker, dann trotzdem mindestens 40% neuere oder unbekanntere gute Sachen spielen. Ein DJ hat ja auch einen pädagogischen Auftrag - Horizonte erweitern, die Leute an unbekannte Qualitätsmusik heranführen! Was kann Schlimmes passieren? Eine vorübergehend leerere Tanzfläche. Pfff, na und? Manch einer tanzt ja nur nicht, weil er den Song zum ersten Mal hört und erstmal das Stück zu Ende hören will. Aber er denkt sich: Hammer, wenn das nächstes Mal kommt, bin ich auf der Fläche.

Frager: Aber gibt es denn überhaupt genug neuere vortreffliche gotische Klänge zum Zwecke der Tanzerey?

Triton: Mich dünkt durchaus! Und ich bewerte jene reflexartig erstmal mit den Maßstäben der 1980er und frühen 1990er Jahre... Puristisch? Mjoa, das steckt einfach in mir drin. Aber selbst bei dieser hohen Meßlatte gibt es vieles, bei dem ich denke, das ist einfach unglaublich gut umgesetzt und wäre schon zu Zeiten der ersten oder zweiten Generation gefeiert worden. Beispiel gefällig? Incirrina - 'Hatred'. Für mich eine Hymne. Nahezu sakral. Und erst einige Jahre alt. Da sieht man, daß die Szene eine echte Stabilität, einen Kern hat, sich nicht hektisch hin- und herentwickelt. Das, was einen Widerhall erzeugt, folgt einem erkennbaren Muster, ohne eine Weiterentwickung damit auszuschließen. Fun Fact: Meine Playlist hat mehr neue als alte Sachen. Das war nicht geplant.

Frager: Sieh an, sieh an... Dann sind doch bestimmt Song-Wünsche in einem Club eine willkommene frische Brise zwischendrin, oooderrr...?

Triton: Ja, aber nein. Also natürlich sind Wünsche immer berechtigt, und ich bin auch keine Instanz, die hier irgendwelche Regeln aufstellen kann oder will, aber ich kann jeden DJ verstehen, der keine Wünsche annimmt. Aus zwei ganz einfachen Gründen: Es besteht das Risiko, daß der Song einfach nicht in das Konzept des Abends paßt, und - wenn viele Wünsche kommen, können einfach nicht alle bedient werden, und das ist schlicht ungerecht. Ich finde es besser, wenn es feste Zeiten gibt, wo NUR Wünsche gespielt werden. Warum also nicht eine Gothwish Night einstreuen?
Thou shalt not squander thy time
Antworten